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Gambit-Filmplakat

Der Mann ist ein hoffnungsloser Ignorant.

Harry Deane (Colin Firth) hat es satt. Keinen Tag länger will er für den Mann arbeiten, den er am allermeisten verabscheut. In einem Job, der für ihn gerade genug abwirft, um in seiner kleinen Erdgeschoss-Wohnung leidlich über die Runden zu kommen und nichts anderes zu tun als arbeiten zu müssen, während sein Vorgesetzter als einer der wohlhabendsten Männer Londons die Frucht von Harrys Arbeit erntet und ein dekadentes Leben in Saus und Braus führt. Die Falten auf seinem Gesicht werden prägnanter und er dadurch auch nicht gerade attraktiver, viele Freunde hat er nicht und das Glück will und will einfach nicht an seine Tür klopfen. Höchste Zeit, denkt er sich, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Spontan trifft er den Entschluss, seinen Arbeitgeber, den berühmten Lord Lionel Shahbandar (Alan Rickman), illegalerweise um ein gehöriges Sümmchen zu erleichtern, indem er ihm ein gefälschtes Gemälde, welches ihm sein einziger Freund und Künstler, Major Wingate (charmant: Tom Courtenay), anzufertigen bereit ist, zu einem horrenden Preis als Original verkaufen will.

Und dort kommt schon die unbedarfte Texanerin P.J. Puznowski (Cameron Diaz) ins Spiel, die als Besitzerin des vorgeblichen Originals auftreten und den Verkaufspreis im besten Falle durch ihr aufreizendes Äußeres noch ein wenig in die Höhe treiben soll. Bombensicher erscheint der ganze Coup, aber dies wäre nicht Harrys Geschichte, würde nicht noch so einiges schiefgehen.

Der vom sichtlich unterforderten Firth einfühlsam verkörperte Deane stellt die archetypische Verlierer-Figur dar, die ihre eigenen Fehler auf andere (Feind-)Figuren projeziert, um einer möglicherweise schmerzhaften Reflexion zu entgehen, und diese somit unberechtigt für das persönliche Unglück verantwortlich macht, anstatt die Energie dahingehend zu verwenden, sich aus der eigenen Misere herauszukämpfen. Immer wieder, besonders am Anfang, erleben wir fließende, manipulative Wechsel der Erzählperspektive, wenn aus dem brutalen Industrielöwen und obszönen Nudisten Lionel Shahbandar ein zwar durchaus recht arroganter aber ebenso normaler Mensch wird, der gleichsam Bedürfnisse hat und längst nicht das Monster ist, zu dem ihm Harry gerne machen würde. All das tritt in Erscheinung durch die naive wie aufrichtige P.J. (recht passend und doch mitunter zu überzogen: Cameron Diaz), welche die Haupteigenschaften der heimlichen Kontrahenten – den Pragmatismus des reichen Geschäftsmannes und den naiven Pseudomoralismus des hart arbeitenden Mannes – homogen in sich vereint, karikiert und somit zumindest dem gebeutelten Harry mehr als einmal unbewusst den Spiegel vorhält. Hin- und hergerissen zwischen komfortabler sowie befriedigender Rache und der steinigen Suche nach dem Glück, stellt sich einem die Frage, welche Wahl man dabei wohl selbst treffen würde.

Trotz seiner ambitionierten Botschaft jedoch fühlt sich „Gambit“ leider über weite Strecken wie eine beliebige Slapstick-Komödie an, die inmitten eines altbackenen Versatzstück-Sammelsuriums so verzweifelt nach dem nächsten Lacher strebt wie ihr Protagonist nach seiner Vergeltung. Oft lässt sich anhand der zeitweise gelungenen Situationskomik zumindest erahnen, dass das Drehbuch aus der Feder der gefeierten Coen-Brüder stammt, wenngleich das humoristische Gesamtbild letztlich doch einen viel zu unpersönlichen Eindruck macht. Statt ausgeklügelter Pointen serviert uns der Regisseur Michael Hoffman antiquierte Kalauer, die in den meisten Momenten an klamaukige C-Komödien gemahnt und sich wie ein fast verdorbener Aufguss unnötiger Sujets dieses Genres anfühlt.

Schlussendlich gelingt es dem Film durch den unnötigen Einsatz seiner vorgeblich cleveren Doppelbödigkeit überdies, den eigenen Subtext, welcher als einziges Merkmal dem Werk gegenüber eine gewisse Sympathie zuließe, gänzlich zu demontieren. Eine Wendung, die ausschließlich dem reinen Selbstzweck dient und mehr zerstört als es zu heilen. Vielleicht hätten die Produzenten das Maß an pseudo-originärer Skurillität diesmal etwas herunterschrauben und die Komik weniger plump gestalten sollen, damit aus „Gambit“ mehr geworden wäre als nur eine vergessenswerte Hollywood-Komödie, die drei talentierte Schauspieler-Größen in ihrem Ensemble vereinen darf. Das größte Ärgernis an diesem Film ist tatsächlich sein enorm verschenktes Potenzial. Die Schluss-Pointe sollte nie derart markant gestaltet sein, dass sie die Oberhand über das filmische Konzept gewinnt, es am Ende womöglich sogar selbst ad absurdum führt – eine Regel, welche eigentlich jeder Regisseur beherrschen sollte, der nicht ausschließlich auf reißerische Twists setzt.

 

4,0 / 10

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My name’s Alan and I bought a giraffe! Oh, my life is perfect!

Nach dem geradezu desaströs ideenarmen Sequel der „Hangover“-Reihe war die Spannung groß, wie es nun weitergehen würde. Wäre Regisseur und Co-Autor Todd Phillips tatsächlich dreist genug, das längst viel zu oft kopierte Konzept nochmals zu kopieren? Glücklicherweise ist er das nicht. Aber fangen wir doch erstmal von vorne an:

Die drei Freunde Doug (Justin Bartha), Phil (Bradley Cooper) und Stu (Ed Helms) führen nach den turbulenten Eskapaden in Bangkok wieder ein gutbürgerliches Leben zwischen Beziehung und Arbeit. Stu ist immer noch glücklich mit seiner Frau Lauren verheiratet und der destruktive Chaot Mr. Chow (Ken Jeong) sitzt in einem thailändischen Hochsicherheitsgefängnis unschädlich hinter Gittern. Alles ist wieder gut, möchte man meinen, doch im Gegensatz zum Rest des „Wolfsrudels“ will es dem Exoten der Clique, Alan (Zach Galifianakis) partout nicht gelingen, sich wieder in ein normales, harmloses Leben einzugliedern. Als sein geliebter Vater (Jeffrey Tambor) dann nach einem tragikomischen Vorfall stirbt, ist für Stu, Doug und Phil schnell klar, dass sie Alan aus seiner Misere helfen müssen. Mittels einer therapierenden Kurfahrt, direkt in das grelle Herz der Finsternis, welches zugleich ihren gemeinsamen Ursprung darstellt: Las Vegas. Alles schreit danach, dass uns Phillips erneut eine weitere Variation des Erstling vor den Latz knallt, doch dann kommt plötzlich alles ganz anders…

Schon der erste leidlich durchdachte Versuch einer Witzpointe gibt den Grundtenor der folgenden 100 Minuten wieder. Größer, rasanter, brachialer – den Fokus ganz und gar auf Alan und Mr. Chow gerichtet. Während die drei anderen Freunde bereits in den ersten zwei Filmen eine tendenziell untergeordnete Rolle spielten, werden sie nun gänzlich zu belanglosen Nebencharakteren degradiert, deren einziger Sinn es ist, mit dem absurden Verhalten der beiden Witzlieferanten zu interagieren und somit vermeintlich humorvolle Situationen zu kreieren. Da dies jedoch mit hemmungsloser Offensichtlichkeit und thematischer Monotonie vonstatten geht, fragt sich der Zuschauer schnell, wie er mit dem Film umgehen soll. Stets wirkt es so, als wisse Phillips selbst überhaupt nicht, wohin sein Film führen soll. So wird aus „Hangover 3“ ein kruder Genre-Mix zwischen Heist-Movie, absurder Coming-of-Age-Geschichte und Resozialisierungsdrama, dessen Langatmigkeit noch eines der geringeren Übel ist. Wie eine wirre Posse, deren zusammenhanglose Sketche mittels vorgeblich spektakulären Action-Sequenzen verknüpft werden sollen (was dem Film natürlich in den seltensten Fällen gelingt), torkelt er so ziellos wie seine Figuren von Verfolgungsjagd zu Sex-Witz zu Verfolgungsjagd.

Hinzu kommt traurigerweise, dass der ausgesprochen konservative und überdies geradezu heuchlerische Subtext, den die meisten modernen US-Komödien in jüngerer Zeit regelrecht zelebrieren, in „Hangover 3“ offensichtlich und anscheinend sogar mit stolzer Miene ausgestellt wird. Der Großteil seiner Gags basiert auf skurrilen Situationen, die durch Alans und Chows ausgelebte Bisexualität und deren künstlich aufgebauschten asozialen Neigungen zustande kommen, womit sich der Film also größtenteils peinlichen Schwulen-Witzchen hingibt, anstatt kreative Situationskomik zu erfinden.

Das große Thema der Reihe war und ist seither die vermeintlich komische Konfliktsituation zwischen dem wilden Zelebrieren animalischer Instinkte in Form von ausgelassenem Spaß (die Trips nach Bangkok und Las Vegas) und der anschließenden wehmütigen Rückkehr in die gesellschaftliche Norm und das Bildungsbürgertum. Teil eins und zwei waren dramaturgisch in dieser Hinsicht bereits äußerst verlogen, weil sie in ihrer strikten Schwarz-Weiß-Malerei die Natur des Menschen ungerechterweise verdammten und ihre Protagonisten schlussendlich wieder in das strenge Korsett ihrer Pflichten zwangen und dies zudem als Happy End präsentierten. Phillips‘ Charaktere stellen also Opfer ihrer eigenen Lust dar, deren „abartige Neigungen“ es schleunigst zu unterbinden gilt, sie zum wenigsten eine Lektion aus ihren allzu verwerflichen Eskapaden lernen müssen, damit die heilige Institution Familie (und mit ihr zusammen Arbeit, Kapitalismus, Wirtschaft) nicht gefährdet wird. Dass die Klischee-Beziehungen und das eintönige Leben, welches die Figuren führen, freiheitsberaubend oder gar schädlich für sie sein könnten, das ist natürlich ausgeschlossen.

Entgegen sämtlicher Befürchtungen gestaltet „Hangover 3“ dementsprechend storytechnisch immerhin seine schon bröckelnde Fassade neu, ohne jedoch konzeptionelle Änderungen im Inneren vorzunehmen oder etwas am erfolgsbewährten Dödel-Humor zu verändern. Inmitten halbgarer Action-Szenen, welche zum Teil erschreckend ernst daherkommen, und lauen Galifianakis-Chow-Späßchen stellt der letzte Teil den mangelhaften Abschluss dieser stets belanglosen Flachwitz-Trilogie dar. „Willst Du normal sein oder glücklich?“ Schöpfer Todd Phillips beantwortet uns diese Frage so, als käme er direkt aus einer längst vergangenen Zeit. So etwas gehört sich nicht für einen Komödien-Regisseur, der idealerweise der Subversion von bestehenden Normen frönen sollte.

Bild2,0 / 10

Filmplakat

Flood our souls with your spirit and life so completely that our lives may only be a reflection of yours. Shine through us.

Terrence Malicks „To The Wonder“ ist in kinematographischer Hinsicht der konsequentere „The Tree of Life“. Wo im vorherigen Werk die Brücke zwischen persönlichem Familiendrama und dem Großen Ganzen omnipräsent war, wird bei dem 2013 in den deutschen Kinos erscheinenden Film beinahe gänzlich darauf verzichtet. Narrativ sehr fragmentarisch und visuell höchst assoziativ gestaltet, scheint Malick nun endgültig die Entwicklung weg von der klassischen Narration und hin zur naturellen Abstraktion abgeschlossen zu haben. Sinnliche, vielfältige und -schichtige Symbolik verschmilzt mit den Erlebnissen der vortrefflich besetzten Schauspieler und kreiert ein Kino des Universalismus, das in seiner Aussage durch die Verwendung ausschließlich archetypischer Charaktere nochmals verstärkt wird.

Sie ist das fließende, sich anschmiegende Wasser, er der stoische Fels, der beinahe in ihrer überwältigenden Leidenschaft untergeht. Nur auf der wundersamen Insel Mont Saint-Michel, die beide Elemente harmonisch miteinander vereint und einen Moment repräsentiert, der so bezaubernd ist, dass er losgelöst von Zeit und Raum existiert, erfahren sie das Wunder des wahren Glückes. Die Liebe ist in der Lage zu beflügeln, Dich zu verzehren, Dich in die Verzweiflung zu treiben. Brauchen wir die Liebe überhaupt?

Selbstverständlich mutet diese tendenziell simplere Thematik nach einem solch überwältigenden und ambitionierten Film wie „The Tree of Life“ minimalistisch an, aber dadurch wird ihm sogleich nochmals ein wesentlich persönlicherer Charakter verliehen. Unterstützt wird der besagte Universalismus durch die schablonenhaften Figuren, dessen Intentionen wir nur selten erfahren. Keine Frage: Bei Terrence Malicks jüngster Arbeit handelt es sich erneut um ein Werk, das seiner Radikalität wegen eine höchst subjektive Rezeption evoziert; selbst sein Ende ließe sich verschieden deuten. „To The Wonder“ ist ein bewegender Rausch, dem es gelingt, auch ohne klassische Manipulationsmechanismen intensive, ganz differenzierte Emotionen zu beschwören. Wie eine rührende Erinnerung an den vielleicht schönsten Tag des eigenen Lebens. Trotz aller Widrigkeiten überlebt die ideelle Vorstellung der blühenden roten Rose im eisigsten Winter. Auch Terrence Malick ist nur ein Mensch mit Träumen. Wie wir alle.

7,0/10

Filmplakat

Thank God for the rain to wash the trash off the sidewalk.

In elegischer Schönheit gleitet Travis in seinem metallischen Sarg durch die urbane Kanalisation voller Abschaum und schmutzigem Gesindel. Es sind Bilder, in denen die Grenze zwischen Traum und Realität immer weiter zu schwinden scheint – dunstige Abgase, grelle Neonlichter, Prostituierte und Zuhälter. Poetisch greifen der Drehbuchautor Paul Schrader und Regie-Veteran Martin Scorsese das Prinzip der Einsamkeit auf: Das, was er will, bekommt er nicht und das, was er bekommt, will er nicht. Einsamkeit war schon immer eine vom Menschen selbst auferlegte Bürde. Der Vietnamveteran ist ein Aussetziger, der im Begriff ist, seine Identität zu verlieren – schlussendlich gipfelt der Film in einem brutalen Vatermord, ganz erfüllt vom berauschenden Klang der Gesellschaft. Neben seiner ausgefeilten, subtil eingesetzten Symbolik vermittelt Scorsese einfühlsam das Gefühl der Verlorenheit. Verloren in der Gesellschaft, in der Großstadt, in der Liebe; der titelgebende Protagonist eine der tragischsten Filmfiguren der Kino-Geschichte.

9,0/10

Filmplakat

Oh, he’s a smart one, isn’t he?

Stereotype Charaktere in einer routiniert vorgetragenen Geschichte, wie es sie schon zuhauf gab. Der Regisseur Rupert Wyatt inszeniert auf opulent getrimmtes Affentheater und lässt der Ur-Geschichte kurzerhand eine simple Coming of Age-Story hinzudichten. Seine „Evolution“ beschränkt sich demnach im spartanischen Aufbegehren seiner hyperintelligenten Primaten aus dem städtischen Zwinger mit anschließender Labor-Vernichtungstour. Hier und da noch mit überdeutlicher Hybris-Kritik ausgestattet, präsentiert sich „The Rise of the Planet of the Apes“ schnell als Tiefe suggerierender Sommer-Blockbuster. Die Zeichen standen in Anbetracht des beeindruckenden Motion Capturing-Verfahrens so gut, dass man zumindest ein optisch herausstechendes Prequel erwarten durfte, doch statt in die Special Effects zu investieren, wären fähigere Drehbuchautoren die wichtigere Anlaufstelle gewesen. So wird aus dem großen Filmklassiker samt seiner weitgreifenden Tier- und Affen-Metapher ein 08/15-Jugendfilm. Auf primitivste Weise soll der Zuschauer emotional manipuliert werden, keine Geste wird ausgelassen. Vermeintlich subtil versteckte „Easter Eggs“ und Referenzen an das Original beschränken sich beinahe ausschließlich auf einen tumben Schlagabtausch zwischen Mensch und Menschenaffe. Grundsätzlich mag die Prämisse, alle gängigen Coming of Age-Versatzstücke zur Humanisierung seiner tierischen Protagonisten zu instrumentalisieren, durchaus einfallsreich gewesen sein, in der Praxis erweist sich der Plot jedoch letztlich als ausgesprochen ideen- und substanzlos. Tatsächlich wird der 2011 veröffentlichte Film weniger wegen seiner inhaltlichen Qualitäten für längere Zeit unvergessen bleiben, sondern hauptsächlich dank seiner Effekte. Diese könnten wohl als einzige im gesamten Werk als annähernd revolutionär bezeichnet werden und dazu beitragen, dass uns bald womöglich eine gänzlich neue Kategorie bei den Oscars präsentiert werden wird: die des Performance Capture-Schauspiels.

 5,0/10

Filmplakat

Ang Lee wirft einen ironischen Blick auf die gravierenden Ost-West-Verschiedenheiten und stachelt zum rasanten Versteckspiel der Scheinidentitäten an. Was anfangs noch witzig und ulkig anmutet, eskaliert spätestens ab dem titelgebenden Hochzeitsbankett, das mit grotesk-übertriebener Ausgelassenheit gleichzeitig anwidert und fasziniert. Aus der screwballesken Komödie wird ein tragisches Drama, eine fesselnde Maskerade der Erwartungen und Hoffnungen, angetrieben durch einen Motor der Manipulation. Lediglich die auf Englisch stattfinden Passagen sind ehrlichen Charakters – ist man nur in der kulturellen Ferne in der Lage, die [persönliche] Wahrheit zu finden? Mit viel Feingefühl setzt der berühmte Autorenfilmer die zärtliche Beziehung des homosexuellen Paares in Szene, präsentiert sie als widerstandsfähige Kämpfer gegen die damaligen Konventionen. Familien- und Gesellschaftsstrukturen werden scharfsinnig analysiert; ein pikantes Beziehungs-Potpourri aus China, Taiwan und dem vermeintlich liberalen Amerika kreiert. Der seinerseits gebürtige Taiwanese behandelt die universellen Themen der Kommunikations-, Kultur- und Gesellschaftsdifferenzen, welche er gnadenlos ad absurdum zu führen scheint, obwohl sie meist der traurigen Realität entsprechen. Wenngleich im Gesamtbild noch etwas inhomogen wirkend, ist „Das Hochzeitsbankett“ ein irrwitziger, satirischer und zugleich todernster Blick auf die moderne Völkerverständigung und die dazugehörigen Toleranzgrenzen, der seine große Wirksamkeit aus der totalen Objektivität zehrt, was besonders dadurch verdeutlicht wird, dass sich die eine Hälfte des Publikums mit dem amerikanischen Pärchen identifiziert, während der andere Teil ausschließlich mit den asiatisch-traditionellen Eltern sympathisiert. So ist das 1993 produzierte Werk gar als gewitzter Aufklärungsfilm funktionierend, der anhand seines großen Erfolges genau die richtigen Töne getroffen zu haben scheint. Laut Ang Lee selbst lediglich die therapierende Sühne für seine eigene in New York abgefrühstückte Hochzeit und letztendlich so viel mehr als das: Die Kunst als belehrende Anleitung für ein harmonischeres Miteinander.

 8,0/10

Filmplakat
He used to say, sometimes you need to do something bad to stop you from doing something worse.

Mutwillig werden an ihrem Geburtstag ihre Träume und Wünsche in dunstigem Rauch aufgelöst, den einzufangen unmöglich ist. Mia Wasikowska als nymphengleiche Jugendliche mit leicht autistischen Zügen im sexuell-intriganten Spiel der Macht gefangen, eingesperrt von Mutter (Nicole Kidman) und Onkel (Matthew Goode). Mit dem Animalischen erwacht auch die Sexualität, welche als Sinnbild und Zentrum kosmischer Ordnung fungiert, und häufig mit einem Mutter-Tochter-Konflikt einhergeht. Der Regisseur Park Chan-wook scheint dabei das ganze Netz seiner Symboliken und Figuren um das vielfältig interpretierbare Bild der Spinne zu weben, und scheitert mehr als einmal beinahe an seinen großen Ambitionen, auch wenn er seine Kalender-Philosophie diesmal auf ein homogenes Minimum reduziert. Nach dem anfangs zögerlichen Erwachen der eigenen sexuellen Identität folgt die (feministische) Emanzipation, die in ihrer plötzlichen Erbarmungslosigkeit einem befreienden Kanonenschuss gleicht. Dazwischen tänzelt der Score des talentierten, aber leicht überschätzten Clint Mansell zwischen anstrengender Aufdringlichkeit und audiovisueller Brillanz. Mit seinem Hollywood-Debut inszeniert der Südkoreaner psychologischen Thrill der alten Schule, bei dem ganz klar der Weg das Ziel ist, und verneigt sich währenddessen nicht nur einmal vor dem großen Alfred Hitchcock. Sein verworrenes Beziehungsgeflecht ist dramaturgisch fesselnd und außergewöhnlich vielseitig fotographiert, wenngleich es in seiner großen Fülle an Motiven und Metaphern des Öfteren im Begriff ist, sich selbst das Bein zu stellen.

7,0/10