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Posts Tagged ‘2012’

Filmplakat

Unsere Generation ist bereit dafür. Wir können es schaffen.

Der 34-Jährige Laurence ist Lehrer für Literatur, führt seit zwei Jahren ein bescheidenes, dafür aber umso glücklicheres Leben mit seiner Freundin Frédérique und wird von den Kollegen respektiert und geschätzt. Doch tief in ihm brodelt bereits lange der leidenschaftliche Drang nach der Veränderung, die eigentlich gar nicht erst nötig sein sollte.

Bereits seit 2009 gilt der aufstrebende Xavier Dolan als das Regie-Wunderkind des 21. Jahrhunderts, wurde sein erstes Werk – „I Killed My Mother“ – doch vielfach von der Kritik gefeiert und dem damals erst 20-jährigen Dolan, der bereits im Kindesalter als Schauspieler erste Filmerfahrung sammelte, eine vielversprechende Karriere attestiert. Mit „Laurence Anyways“ entwirft er ein ganz und gar homogenes Bildnis dieser oft nostalgisch verklärten 1990er-Jahre und verankert in ihnen eine allzu untypische Coming Out-Geschichte. Die Protagonisten im Zentrum der Geschichte, Laurence und Frédérique, gleichen zwei Himmelskörpern – Mars und Venus –, deren Anziehungskraft viele kleinere Planeten an sich binden, sie beeinflussen; deren (Lebens-)Bahnen sich immer und immer wieder kreuzen, bei denen eine Kollision alles bedeuten kann: vollkommenes Glück oder zerstörerisches Verderben.

Seine Definition von Liebe immer wieder zwischen körperlicher Leidenschaft und platonischer Seelenverwandtschaft definierend, widersetzt sich der in Montreal geborene Regisseur aufgrund des komplexen Kontextes klar einer herkömmlichen Lost and Reunited-Geschichte und biedert sich durch den beinahe vollständigen Verzicht auf biologische Details (inklusive voyeuristischem Geschlechtsverkehr) nicht der Sensationslust eines Durchschnittsrezipienten an. Die dadurch erzeugte ungezwungene Grundstimmung des Films lässt somit glücklicherweise sogar befreienden Humor zu, der jeder Figur die nötige Lebendigkeit einhaucht, die für ein Zeitportrait dieser Größenordnung unbedingt notwendig ist. Statt sich standardisierten und mittlerweile allzu drögen Emotionsmechanismen hinzugeben, konzentriert er seinen Fokus deutlich auf das kraftvolle soziale Kollidieren seiner Figuren und die damit einhergehenden Konsequenzen. Ihm gelingt es, die Gedanken und Gefühle einer vergangenen Zeit einzufangen und zu komprimieren, befasst sich weniger mit Laurence‘ Beweggründen als viel eher mit der Gesellschaft um ihn herum. Dass er es schafft, in diese bereits randvolle Geschichte noch Bürgertums- und Ehe-Kritik in Form von Satire einzuweben, ohne dass es überambitioniert erscheinen würde, ist in Anbetracht seines auch jetzt noch jungen Alters eine durch und durch überraschende Leistung.

Inmitten des energetischen Wirkens seiner Kamera findet Dolan immer wieder Momente der elegischen Ruhe, die er deutlich verspielt, erfreulicherweise jedoch nicht zu prätentiös mit sinnlicher Symbolik anreichert, um die Charaktere Augenblicke später erneut in einem Orkan der Gefühle aufeinanderprallen zu lassen. Musikalisch untermalt wird das ganze mit einer stimmungsvollen Mischung aus zeitgenössicher, moderner und klassischer Musik, welche das Gedankenspiel der antiquierten sexuellen Konventionen nur nochmals unterstreicht, mit dem „Laurence Anyways“ über die ganze Laufzeit kokettiert.

Er zeigt die Möglichkeit einer geschlechterlosen Liebe, ohne sie jedoch unreflektiert zu propagieren – spätestens jetzt hat Dolan die Phase der unbedarften Adoleszenz hinter sich gelassen, wodurch ihm ein erstaunlich reifes und unparteiisches Werk gelungen ist. Scheinbar spielend leicht meistert er die schwierige Gratwanderung zwischen Respekt und schmerzhafter Ehrlichkeit vor seinen Figuren, präsentiert sie als fehlerhafte, verletzliche Wesen. Unsere Mitmenschen bestimmen, ob wir akzeptiert werden oder als Aussätzige leben müssen, wenngleich wir in unserem Inneren doch alle gleich sind. Leider scheinen die Menschen auch dieser Tage noch nicht gänzlich bereit für sexuellen Nonkonformismus; womöglich werden sie es nie sein. Alles, was bleibt, ist die Akzeptanz gegenüber uns selbst. Und die Hoffnung, irgendwann das berauschende Wunder der bedingungslosen Liebe am eigenen Leib erfahren zu dürfen.

 

7,0 / 10

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Gambit-Filmplakat

Der Mann ist ein hoffnungsloser Ignorant.

Harry Deane (Colin Firth) hat es satt. Keinen Tag länger will er für den Mann arbeiten, den er am allermeisten verabscheut. In einem Job, der für ihn gerade genug abwirft, um in seiner kleinen Erdgeschoss-Wohnung leidlich über die Runden zu kommen und nichts anderes zu tun als arbeiten zu müssen, während sein Vorgesetzter als einer der wohlhabendsten Männer Londons die Frucht von Harrys Arbeit erntet und ein dekadentes Leben in Saus und Braus führt. Die Falten auf seinem Gesicht werden prägnanter und er dadurch auch nicht gerade attraktiver, viele Freunde hat er nicht und das Glück will und will einfach nicht an seine Tür klopfen. Höchste Zeit, denkt er sich, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Spontan trifft er den Entschluss, seinen Arbeitgeber, den berühmten Lord Lionel Shahbandar (Alan Rickman), illegalerweise um ein gehöriges Sümmchen zu erleichtern, indem er ihm ein gefälschtes Gemälde, welches ihm sein einziger Freund und Künstler, Major Wingate (charmant: Tom Courtenay), anzufertigen bereit ist, zu einem horrenden Preis als Original verkaufen will.

Und dort kommt schon die unbedarfte Texanerin P.J. Puznowski (Cameron Diaz) ins Spiel, die als Besitzerin des vorgeblichen Originals auftreten und den Verkaufspreis im besten Falle durch ihr aufreizendes Äußeres noch ein wenig in die Höhe treiben soll. Bombensicher erscheint der ganze Coup, aber dies wäre nicht Harrys Geschichte, würde nicht noch so einiges schiefgehen.

Der vom sichtlich unterforderten Firth einfühlsam verkörperte Deane stellt die archetypische Verlierer-Figur dar, die ihre eigenen Fehler auf andere (Feind-)Figuren projeziert, um einer möglicherweise schmerzhaften Reflexion zu entgehen, und diese somit unberechtigt für das persönliche Unglück verantwortlich macht, anstatt die Energie dahingehend zu verwenden, sich aus der eigenen Misere herauszukämpfen. Immer wieder, besonders am Anfang, erleben wir fließende, manipulative Wechsel der Erzählperspektive, wenn aus dem brutalen Industrielöwen und obszönen Nudisten Lionel Shahbandar ein zwar durchaus recht arroganter aber ebenso normaler Mensch wird, der gleichsam Bedürfnisse hat und längst nicht das Monster ist, zu dem ihm Harry gerne machen würde. All das tritt in Erscheinung durch die naive wie aufrichtige P.J. (recht passend und doch mitunter zu überzogen: Cameron Diaz), welche die Haupteigenschaften der heimlichen Kontrahenten – den Pragmatismus des reichen Geschäftsmannes und den naiven Pseudomoralismus des hart arbeitenden Mannes – homogen in sich vereint, karikiert und somit zumindest dem gebeutelten Harry mehr als einmal unbewusst den Spiegel vorhält. Hin- und hergerissen zwischen komfortabler sowie befriedigender Rache und der steinigen Suche nach dem Glück, stellt sich einem die Frage, welche Wahl man dabei wohl selbst treffen würde.

Trotz seiner ambitionierten Botschaft jedoch fühlt sich „Gambit“ leider über weite Strecken wie eine beliebige Slapstick-Komödie an, die inmitten eines altbackenen Versatzstück-Sammelsuriums so verzweifelt nach dem nächsten Lacher strebt wie ihr Protagonist nach seiner Vergeltung. Oft lässt sich anhand der zeitweise gelungenen Situationskomik zumindest erahnen, dass das Drehbuch aus der Feder der gefeierten Coen-Brüder stammt, wenngleich das humoristische Gesamtbild letztlich doch einen viel zu unpersönlichen Eindruck macht. Statt ausgeklügelter Pointen serviert uns der Regisseur Michael Hoffman antiquierte Kalauer, die in den meisten Momenten an klamaukige C-Komödien gemahnt und sich wie ein fast verdorbener Aufguss unnötiger Sujets dieses Genres anfühlt.

Schlussendlich gelingt es dem Film durch den unnötigen Einsatz seiner vorgeblich cleveren Doppelbödigkeit überdies, den eigenen Subtext, welcher als einziges Merkmal dem Werk gegenüber eine gewisse Sympathie zuließe, gänzlich zu demontieren. Eine Wendung, die ausschließlich dem reinen Selbstzweck dient und mehr zerstört als es zu heilen. Vielleicht hätten die Produzenten das Maß an pseudo-originärer Skurillität diesmal etwas herunterschrauben und die Komik weniger plump gestalten sollen, damit aus „Gambit“ mehr geworden wäre als nur eine vergessenswerte Hollywood-Komödie, die drei talentierte Schauspieler-Größen in ihrem Ensemble vereinen darf. Das größte Ärgernis an diesem Film ist tatsächlich sein enorm verschenktes Potenzial. Die Schluss-Pointe sollte nie derart markant gestaltet sein, dass sie die Oberhand über das filmische Konzept gewinnt, es am Ende womöglich sogar selbst ad absurdum führt – eine Regel, welche eigentlich jeder Regisseur beherrschen sollte, der nicht ausschließlich auf reißerische Twists setzt.

 

4,0 / 10

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Filmplakat

Flood our souls with your spirit and life so completely that our lives may only be a reflection of yours. Shine through us.

Terrence Malicks „To The Wonder“ ist in kinematographischer Hinsicht der konsequentere „The Tree of Life“. Wo im vorherigen Werk die Brücke zwischen persönlichem Familiendrama und dem Großen Ganzen omnipräsent war, wird bei dem 2013 in den deutschen Kinos erscheinenden Film beinahe gänzlich darauf verzichtet. Narrativ sehr fragmentarisch und visuell höchst assoziativ gestaltet, scheint Malick nun endgültig die Entwicklung weg von der klassischen Narration und hin zur naturellen Abstraktion abgeschlossen zu haben. Sinnliche, vielfältige und -schichtige Symbolik verschmilzt mit den Erlebnissen der vortrefflich besetzten Schauspieler und kreiert ein Kino des Universalismus, das in seiner Aussage durch die Verwendung ausschließlich archetypischer Charaktere nochmals verstärkt wird.

Sie ist das fließende, sich anschmiegende Wasser, er der stoische Fels, der beinahe in ihrer überwältigenden Leidenschaft untergeht. Nur auf der wundersamen Insel Mont Saint-Michel, die beide Elemente harmonisch miteinander vereint und einen Moment repräsentiert, der so bezaubernd ist, dass er losgelöst von Zeit und Raum existiert, erfahren sie das Wunder des wahren Glückes. Die Liebe ist in der Lage zu beflügeln, Dich zu verzehren, Dich in die Verzweiflung zu treiben. Brauchen wir die Liebe überhaupt?

Selbstverständlich mutet diese tendenziell simplere Thematik nach einem solch überwältigenden und ambitionierten Film wie „The Tree of Life“ minimalistisch an, aber dadurch wird ihm sogleich nochmals ein wesentlich persönlicherer Charakter verliehen. Unterstützt wird der besagte Universalismus durch die schablonenhaften Figuren, dessen Intentionen wir nur selten erfahren. Keine Frage: Bei Terrence Malicks jüngster Arbeit handelt es sich erneut um ein Werk, das seiner Radikalität wegen eine höchst subjektive Rezeption evoziert; selbst sein Ende ließe sich verschieden deuten. „To The Wonder“ ist ein bewegender Rausch, dem es gelingt, auch ohne klassische Manipulationsmechanismen intensive, ganz differenzierte Emotionen zu beschwören. Wie eine rührende Erinnerung an den vielleicht schönsten Tag des eigenen Lebens. Trotz aller Widrigkeiten überlebt die ideelle Vorstellung der blühenden roten Rose im eisigsten Winter. Auch Terrence Malick ist nur ein Mensch mit Träumen. Wie wir alle.

7,0/10

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Filmplakat

What is it like, living with a woman? – It’s like taking part in an auction sale: You never know, if yours will be the best offer.

Der Kunstexperte und Auktionator Virgil Oldman (Geoffrey Rush) ist ein mustergültiger Einzelgänger und Snob. So geht er beispielweise nie ohne ein Paar edle Lederhandschuhe aus dem Haus und hüllt seinen Telefonhörer in weißen Samt, der ihn vor Keimen schützen soll. Seinen einzigen Zugang zur Außenwelt stellen sein guter Freund Billy (Donald Sutherland) und sein Assistent Lambert (Dermot Crowley) dar. Eines Tages erhält er den anonymen Anruf einer seltsamen Frau, die ihn um ein Gutachten der Villa ihrer verstorbenen Eltern bittet. Mysteriöse Vorfalle geschehen, Leben werden auf den Kopf gestellt und schwerwiegende Entscheidungen getroffen.

Thematisch behandelt „The Best Offer“ das Prinzip des Vertrauens, der Authentizität und die Vereinbarkeit von Arbeit (in diesem Fall die Leidenschaft zur Kunst) und Liebe. Inmitten seiner seltenen Kunstwerke und Antiquitäten führt Virgil ein Eremitendasein, vermeidet sozialen Kontakt, so weit es geht, und war noch nie mit einer Frau zusammen. Allmählich jedoch nagen Selbstzweifel an ihm – war die Entscheidung richtig, zugunsten seiner tiefen Leidenschaft für Vergangenes beinahe gänzlich auf menschliche Nähe zu verzichten?

Diesen Gedankengang fängt Giuseppe Tornatore in stilsicher komponierten Bildszenerien ein, denen trotz aller auf den (ur-)alten Möbeln abgesetzten Staubpartikel stets eine gewisse Sterilität anhaftet, und fängt damit den inneren Charakter Virgils stimmungsvoll ein. Der Soundtrack der einstigen Filmmusik-Gottheit Ennio Morricone besticht derweil mit einem wunderbar nuanciert-subtilen, doch teilweise zu aufdringlichen Score, welcher entgegen aller Kritik jedoch den Zeitgeist des Films wiederzugeben im Stande ist. Inmitten dieses fesselnden Zusammenspiels aus Kulisse und musikalischer Untermalung triumphiert mehr als einmal das Übernatürliche über die rationale Figur Virgils, ein inszenatorischer Sog aus Mystik und archetypischer Begierde entwickelt sich. Geoffrey Rush besticht durch ausnahmslos eindringliches Schauspiel, das jedoch sichtlich von der plakativ vorgetragenen Symbolik Tornatores gebremst wird: Inmitten von perfekt geschnittenen Designer-Herrenanzügen, akribisch gefärbten Haaren und Handy-Aversion kann der gebürtige Australier diesmal leider nicht mit subtilen, mimischen Botschaften begeistern, welche seine Leistung vom Überdurchschnittlichen ins Überragende hätten heben können.

Eine „The Best Offer“ angemessene Kritik zu verfassen, fällt schon allein deshalb sehr schwer, weil man für eine äquivalente Auseinandersetzung mit dem Werk des einstigen Cannes-Jury-Mitglieds unweigerlich auf die 180°-Wendung eingehen muss, mit welcher der Film daherkommt. Täte man dies allerdings zu tiefgehend, könnte man dem potenziellen Zuschauer womöglich den ganzen Kinobesuch verderben. Dieser „Twist“ ist es nämlich, der das in Europa produzierte Werk vor der Durchschnittlichkeit errettet, welche ihn ungefähr ab der Mitte des Films zu ereilen droht, und partiell auch für einige Längen sorgt. Tatsächlich avanciert die ursprünglich psychologisch recht interessante Charakter-Konstellation ab der Enthüllung der Unbekannten immer mehr zum klassischen Romantik-Kino, was hingegen – und das muss man „The Best Offer“ zugestehen – der inhaltlichen Bedeutung wegen geschieht, an der bloßen Tatsache und besagtem Leerlauf aber nichts ändert.

Das jähe Ende kommt plötzlich, einem überschrillen Geigenspiel gleich, parallel vorhersehbar und überraschend; die gesamte vorangegange Handlung wird gnadenlos demontiert, und hinterfragt damit auch gleichzeitig die standardisierten Emotionsmechanismen des Kinos und den für Manipulationen jeglicher Art empfänglichen Zuschauer. Wenn dem Publikum jeglicher Boden brutal unter den Füßen weggerissen wird, ja, dann entfaltet der Film des sizilianischen Regisseurs seine volle Wirkung und tritt in seiner weiteren inhaltlichen Entwicklung nochmal beherzt nach dem sich bereits am Boden windenden Zuschauer.

Doch obwohl „The Best Offer“ in seiner schonungslosen Kompromisslosigkeit gegen Ende beeindruckt, ist die zugrunde liegende Idee, auf welcher er basiert, leider nicht allzu neu. Das Schema der Kino-Kritik war bereits der essentielle Bestandteil einiger „Filme über Filme“ (FüF) vor ihm. Unabhängig davon bleibt fraglich, inwieweit der Zuschauer auch bei einer weiteren Sichtung noch von dem eingangs erwähnten Sog mitgerissen werden kann, wenn die große Kehrtwende bereits bekannt ist. Somit bleibt das 2013 gedrehte Werk aufgrund einiger dramaturgischer Schwächen und seinem einseitigen Subtext ein „FüF“ mit überraschend geringer Halbwertszeit, was in Anbetracht seiner großen Ambitionen fraglos sehr schade ist, den spannenden Kinobesuch deswegen aber dennoch nicht gleich vereiteln muss.

6,0/10

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Filmplakat

Ich wüsste gerne, ob Du etwas vermisst.

Nach 18 Jahren Freiheitsstrafe wird der ehemalige RAF-Terrorist Jens Kessler (eindringlich introvertiert: Sebastian Koch) überraschenderweise aus der Haft entlassen. Dieses eigentlich freudige Ereignis nimmt seine Schwester Tina (zurückhaltend nuanciert: Barbara Auer) zum Anlass, alte Freunde der gemeinsamen damaligen Zeit übers Wochenende in ihr uriges Landhaus in Brandenburg einzuladen. Dazu gehören sein ehemaliger Genosse Henner (charmant extrovertiert: Sylvester Groth) und seine alte Jugendliebe Inga (solide: Katja Riemann), die mit ihrem Mann Ulrich (bissig: Tobias Moretti) eigentlich nur für einen kurzen Abstecher bleiben wollte. Was ist aus den Menschen geworden, die sich über solch einen langen Zeitraum mehr oder minder aus den Augen verloren haben? Abgründe tun sich auf, mit denen jeder der Beteiligten irgendwann konfrontiert wird. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt.

Nina Grosses Adaption von Bernhard Schlinks gleichnamigem Roman fungiert mehr als Modulation des Grund-Themas denn als bloßes Aufgreifen des Plots. Man sollte deshalb bereits darauf vorbereitet sein, dass sich der elementare Schuld- und Sühnegedanke des Buches im Film weniger auf einer gesellschaftlichen oder politischen Ebene befindet, sondern mehr im Interfamiliären, wenn sich Generationenkonflikte anbahnen und über Vergebung sinniert wird. Der Disput über menschliches Recht und Unrecht inmitten einer geplanten Revolution beschränkt sich demnach auf wenige Dialog-Fetzen, welche zwar altbekannt, aber deshalb dennoch nicht ganz uninteressant sind. In Grosses Werk dreht sich alles um das Prinzip der schlagartig unterbrochenen Beziehung, die mit einem Meer von Zeit überschwemmt wird. Damit versucht sie, das Schema des Buches aufzubrechen, um für ihren Film einen universelleren Subtext zu kreieren als ihn der doch eher auf das Politische fixierte RAF-Kontext der Vorlage zu bieten hat.

Sie alle sind alte Bekannte mit einer gemeinsamen Vergangenheit, die von der Zeit eingeholt wurden. Ideale wurden verschoben oder variiert, Kompromisse getroffen oder man selbst wurde einfach von der Gegenwart eingeholt. Tinas Einladung zu einem geselligen Zusammensein ist im Grunde die ernste Aufarbeitung zerbrochener oder verlorener Beziehungen, der jeder Protagonist mit ganz persönlichen Beweggründen entgegenschreitet. Schnell manifestiert sich der Charakter eines engen Kammerspiels, das nur kurzzeitig eskapistische Ausflüge in den nächsten Supermarkt oder zum örtlichen Fischhändler erlaubt. Die Protagonisten werden gezwungen, über ihre damaligen Ziele und Beziehungen zu reflektieren, wenngleich sie immer wieder in alte Konsum-Gewohnheiten abrutschen, um dem gegenseitigen Konflikt zu entfliehen. Nach und nach lernen sie ihre einst engsten Vertrauten wieder kennen, erschrecken oder freuen sich über das Näherkommen, schließen miteinander ab oder beginnen ganz von vorn.

Dies alles wird routiniert und mit einigen gelungenen Symboliken bebildert und darf auch sonst im Vergleich zum üblichen deutschen Kino als oberer Durchschnitt bezeichnet werden. Zeitweise drängt sich einem der Vergleich mit der dänischen Filmemacherin Susanne Bier auf, welche bereits ähnlich angesiedelte Beiträge zu Familienbeziehungen und gemeinsamer Vergangenheitsbewältigung produzierte. Doch obwohl Grosses Prämisse in Bezug auf die Umgestaltung des Original-Plots vollkommen richtig ist, will sich der Gedanke der allgemeingültigen Geschichte nicht gänzlich entfalten. Innerhalb seines eigenen Kosmos mag „Das Wochenende“ mit erstaunlich mehrdimensionalen Charakteren und einer homogenen Geschichte begeistern können, für das Vermitteln von weitgreifender Bedeutung bleibt das Thema aber auch nach der inhaltlichen Umformung der heute 54-Jährigen zu speziell, um sich auch auf genügend filmexterne Individuen anwenden zu lassen oder diese überhaupt emotional mitreißen zu können. Dadurch verschließt sich ihr jüngstes Werk leider gänzlich dem Durchschnitts-Rezipienten, der zwar mit einem halbwegs befriedigenden Gefühl passabler Unterhaltung aus dem Kino gehen wird, im Nachhinein aber letztlich doch um keine fassbare Erfahrung reicher ist.

5,5/10

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Filmplakat

Ich lebe in meiner eigenen Fantasiewelt – wenn die Realität kommt und an meine Tür klopft, öffne ich ihr nicht.

Im Frankreich der frühen 1970er-Jahre sind die pulsierenden Nachwirkungen des Pariser Mais noch in vielerlei Städten und Vororten spürbar. Dieser Mai im Jahr 1968 sorgte für das Lostreten einer Lawine der Unzufriedenheit des größtenteils jungen Volkes. Inmitten dieser Aufbruchstimmung verfolgen wir das aufregende Leben des kunstinteressierten Gilles und seiner Freunde.

Stark an die eigene Jugend angelehnt (und somit partiell mit autobiographischem Habitus), entwirft der Regisseur und Autor Olivier Assayas mit „Something in the Air“ (OT: Après mai) das vielschichtige Zeit-Portrait einer Dekade, deren Motto „Widerstand“ lautete. Ganz bewusst verschließt er sich einer herkömmlichen Narration und Dramaturgie, verzichtet mithilfe seiner tendenziell lockeren Figuren-Fokussierung auf eine absolute Bezugsperson und arbeitet stattdessen mit mehreren Protagonisten, die allesamt als Projektionsfläche für den Zuschauer dienen können. Frei nach dem Motto „Wir verwenden viele Protagonisten – mit irgendeinem wird der Zuschauer schon sympathisieren“ kreierte der Franzose also ein komplexes Personen-Konstrukt, welches so manches Mal leider durch bloße Unübersichtlichkeit gefährlich ins Wanken zu geraten scheint.

Der junge Student Gilles ist hin- und hergerissen zwischen politischem Aktivismus und dem vermeintlich egoistischen Verfolgen seiner eigenen Ziele und Sehnsüchte; im inneren Zwiespalt zwischen Politik und Kunst (bei der wiederrum zusätzlich die Entscheidung zwischen Malerei und dem Filmschaffen getroffen werden will). Als dann noch das andere Geschlecht an die Tür klopft und längerfristigere Verbindungen eingehen möchte, flüchtet er sich vollends in die einsam-eskapistischen Welten der Kultur und seiner Kreativität; und findet letztlich doch seinen eigenen Weg. Den Blick stets auf die Gegenwart gerichtet.

Das Besondere an Assayas jüngstem Werk ist, dass er seine Charaktere von Zeit zu Zeit auch in kritische Situationen führt, in denen ihr Streben und ihre Träume ebenso hinterfragt werden wie die im Film analysierte Kunst. Auf diese Weise findet das ganze Geschehen auf zwei separaten Ebenen statt, wenn gleichzeitig Darstellungsformen bezeichnet sowie ergründet werden und der kritische Umgang mit ihr geschieht, wodurch das Gerüst aus Handlungen und der differenzierten Rezeption dieser intensiv miteinander verschmelzen. All das beobachtet der Zuschauer aus einer höheren, durch die vergangene Zeit gereiften Perspektive und ist letztlich doch immer mitten im Geschehen.

„Something in the Air“ ist deshalb auch weniger ein Film, der politische Macht-Apparate oder wirtschaftliche Kausalitäten beleuchtet, sondern viel eher einen romantischen Blick auf (s)eine vergangene Jugend gewährt, die sich ganz ihrer eigenen Unabhängigkeit verschrieb; eine Zeit, in der es leichter fiel, sich politisch festzulegen als sich der unsterblichen Liebe hinzugeben; in der sich die Jugend plötzlich ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst wurde und alles dafür tat, ihren oft utopischen Traum zu leben. Mitreißend vermittelt er das beflügelnde Gefühl der grenzenlosen Freiheit in einer Phase des kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umbruchs.

Durch den atmosphärischen Einsatz ausschließlich zeitgenössischer Musik beschwört Assayas einen Zauber, der das Bild und die unverwechselbare Sprache der Musik harmonisch und – vor allem – einander ebenbürtig koexistieren lässt. Omnipräsent ist das wohlklingelnde Klimpern der Geldmünzen, welches trotz aller ausgelebten System-Kritik der selbsternannten Revolutionäre immer noch die Abhängigkeit vom kapitalistischen Finanz-System und die parallele Ablehnung des Kommunismus symbolisiert. Immer kehrt das parabolische Feuer als Sinnbild des Wandels und der absoluten Verzehrung materieller Habseligkeiten wieder, verdeutlicht gleichzeitig das Weltbild dieser damaligen Epoche.

Trotz all dieser positiven Aspekte bleibt „Something in the Air“ narrativ zu fragmentarisch, zerfahren und dramaturgisch zu unkonventionell, um ihn auch für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen. Im Grunde bleibt Assayas Kreation nämlich primär die Arbeit eines Künstlers für Künstler und verwehrt dem Proletariat diese spirituelle Geschichtsstunde wahrscheinlich ebenso wie die grotesken Avantgarde-Verfechters seiner Geschichte, was zwar sehr schade, aber immerhin konsequent ist. „Après mai“ ist nicht etwa ein Film, der neue Erkenntnisse über die Kunst oder Gesellschaft von damals ans Licht bringt, aber es ist ein Werk, das wohl am ehesten mit „unvergleichlich eingefangener Zeitgeist“ zu betiteln ist. Eine Beschreibung, mit der sich nicht viele Produktionen heutiger Regisseure rühmen dürfen.

7,0/10

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Filmplakat

If you figure a way to live without serving a master, any master, then let the rest of us know, will you? For you’d be the first person in the history of the world.

„TAXI DRIVER meets cult“ waren tatsächlich meine ersten Gedanken zum neuesten Streich des 1970 geborenen Regisseurs Paul Thomas Anderson, und die Leben der Protagonisten beider Filme weisen wirklich erstaunliche Parallelen auf, was selbstverständlich primär auf ihre (zeitlich versetzte) Kriegsvergangenheit zurückzuführen ist. Travis Bickle und Freddie Quell (erschreckend intensiv: Joaquin Phoenix) werden beide von post-traumatischen Symptomen geplagt, sind im tiefschwarzen Schlund sozialer Isolation gefangen, den sie mit Drogen und dem Erfüllen instinktiver Bedürfnisse zu verdrängen suchen und nicht fähig zu lieben. Somit präsentiert sich THE MASTER tatsächlich weniger als die erwartete Scientology-Dekonstruktion sondern mehr als waschechtes Veteranen-Drama.

Zwischen diesen thematischen Ankerpunkten spannt das Autorenkino-Wunderkind eine inhaltliche Brücke aus Größenwahn: Ab dem Zeitpunkt, in dem der krankhaft alkoholsüchtige Freddie auf das ebenso obsessiv veranlagte Multi-Talent Lancaster Dodd (unvorhersehbar erruptiv: Philip Seymour Hoffman) trifft, macht das Werk eine überraschende Kehrtwende und verwandelt sich vom reinen Post-Kriegs-Film zur kryptischen Analogie eines universellen Meister-Lehrling-Prinzips, das auf animalische Zügellosigkeit und matriarchaische Kraft trifft. Was viele als wunderbar ambitioniert betiteln würden, werden ebenso viele wohl als erschreckend überfrachtet empfinden. Und obwohl THE MASTER in seiner tieferen Bedeutung erfrischend komplex daherkommt, so facettenarm ist er überraschenderweise im sonst so einwandfreien Gesamtbild, das der gebürtige Kalifornier kreiert.

Womöglich ist der erstmals am 1. September 2012 veröffentlichte Film ein Werk, das hauptsächlich an der überhöhten Erwartungshaltung seiner Rezipienten scheitern wird. Von einem solch vielversprechenden Regisseur wie Anderson erwartet man eben nicht weniger als einen herausragenden Film. Und auch, wenn dieses meist positiv behaftete Adjektiv durchaus auf THE MASTER zutrifft, stellt er in Relation zu seiner bisherigen Filmographie leider die erste wirklich inhomogene Arbeit dar.

Seine gewohnt erstklassige Kinematographie und die beeindruckenden schauspielerischen Leistungen (welche jedoch von einer unausgewogenen Figurenzeichnung gebremst werden) können leider nur partiell den suboptimalen Gesamteindruck heben, für welchen auch zu einem Großteil die bewusst zähe Dramaturgie und Narration verantwortlich ist, welche mehr als einmal anstrengend auf der Stelle tritt. Trotz seiner originellen, und gleichzeitig etwas sperrigen Semiotik ist THE MASTER in seinem philosophischen Prinzip der Weltanschauung leider ebenso restaurativ wie seine ambivalenten Protagonisten.

6,5/10

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