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Posts Tagged ‘2013’

Filmplakat

 

Angespannt trainiert Daniel Lugo (Mark Wahlberg) an einer Vorrichtung an der Wand seines Fitnessstudios. Nur noch zwanzig Sit-Ups, bis der Satz komplett ist. Plötzlich heulen Sirenen. Wie von einer Wespe gestochen reißt sich Lugo los und sprintet über die Dächer der Stadt Richtung Freiheit. Rückblende; ein paar Monate zuvor: Er hat gerade frisch eine Stelle als Trainer im örtlichen Sun Gym ergattert. Nun kann er also gleichzeitig Geld verdienen und währenddessen noch seinen Körper stählen, der American Dream scheint perfekt. Schnell jedoch schon beschleicht ihn das Gefühl, dieses wunderbar sonnige Leben würde ihn betrügen. So viele Menschen gibt es, die wesentlich mehr Geld haben als er und offenbar nichts dafür tun müssen. Dann kommt der auf Plakaten und im Fernsehen omnipräsente, manipulative Motivationstrainer Johnny Wu (Ken Jeong) ins Spiel, unablässig „Be a Do-er, don’t be a Don’t-er“ predigend – für Lugo die so erwartungsvoll ersehnte Schneeflocke, welche die Lawine in Gang setzt.

Schwerreiche jüdische Unternehmer, die ihr gesamtes Geld steuerfrei im Ausland bunkern, christlich-orthodoxe Bodybuilder-Sanftnaturen, erfolgreiche Geschäftsmänner mit kurvigen Ehefrauen – zugegeben: Michael Bays Interpretation einer Kapitalismus-Persiflage kommt nur allzu schablonenhaft und simpel daher, weiß aber nichtsdestotrotz mit seinem plakativen Humor gelegentlich zum Schmunzeln anzuregen und die Dynamik innerhalb seiner Figuren stets auf einem angemessenen Niveau zu halten, hin- und herpendelnd zwischen ulkiger Posse und brutaler Groteske. Immer wieder ergeht er sich in selbstreferentiellen Gags innerhalb seines eigenen Filmographie-Universums, möchte uns mitteilen, dass auch er selbst mittlerweile retrospektiv einen gereifteren Blick auf sein früheres Schaffen habe, was stellenweise als gelungen, oft jedoch auch schlicht als gescheitert betrachtet werden kann. Auf narrativer Ebene besinnt sich Bay auf eine klar strukturierte, mehrstufige Klimax, die immer wieder mit bündigen Flashbacks ausgestattet ist und die verkorkste Vergangenheit sowie persönliche Motive der Heist-Mitglieder beleuchtet.

Jeder Zentimeter mehr am Bizeps bringt Dich näher zu Deinem persönlichen Glück. Handle, verwirkliche Deinen Traum, beschäftige Dich! Vom Spargeltarzen zum Schwarzenegger – der American Dream in Form gestählter Physis. Selbstverständlich ist sich Michael Bay trotz seines bisherigen Œuvres, welches durchaus eine gegenteilige Vermutung nahelegen würde, absolut bewusst, dass Muskeln nicht gleich bedeutend mit finanziellem sowie gesellschaftlichem Erfolg sind und so führt er sein ulkiges Trio Infernal als stereotypische Karikaturen vor, die nach vollzogenem Coup nicht einmal genau wissen, was sie überhaupt wollen.

In typischer Hochglanz-Optik entführt uns Bay in eine grelle Welt voller Oberflächlichkeiten, in welcher Fleisch und Lust die größten Heiligtümer darstellen – in der seine Charaktere alles für die Verbesserung ihres Körpers tun. Seine drei Protagonisten – Daniel (Mark Wahlberg), Paul (Dwayne „The Rock“ Johnson) und Adrian (Anthony Mackie) – sind von höchst ambivalenter Natur und repräsentieren alle jeweils auf mehr oder minder unterhaltsame Weise eine Form des ur-amerikanischen Strebens nach persönlichem Glück. Dass der heute 48-Jährige, der noch nie für seine politische Weitsicht bekannt war, dabei jede Figur auf infantile, teilweise jedoch herrlich absurd inszenierte Klischees herunterbricht, um sich anschließend gebieterisch darüber lustig zu machen, ist in Anbetracht seines recht ausgewogenen Rundumschlags sicherlich noch zu verschmerzen. Was allerdings tatsächlich recht sauer aufstoßen lässt, ist seine pseudo-ironisch gemeinte Darstellung der Frau: Während es zumindest eine handvoll dominante männliche Charaktere gibt, reichert der gebürtige Kalifornier den Film auf der anderen (Geschlechter-)Seite ausschließlich entweder mit leicht bekleideten Videoclip-Model-Statisten oder vollkommen von Männern abhängigen Naivchen an, welche kaum in der Lage sind, auch nur einen vernünftigen Satz über die Lippen zu bringen. Wo hört Satire auf und wo beginnen persönliche Ideologien?

Leider verzettelt sich „Pain & Gain“ gelegentlich in seiner ausufernd angelegten Erzählspanne, wodurch der sonst über weite Strecken gefällige und angenehm schnelle Handlungsfluss hin und wieder gefährlich ins narrative Stocken gerät. Die Qualität des Humors schwankt beständig von „erstaunlich treffend und bissig“ zu „unnötig albern“ und ist somit leider für sich allein kein absolut sicherer Garant dafür, sich in Michael Bays abgedrehter Wohlstands-Groteske wohlzufühlen. Schlussendlich führt eine Seriennummer auf dem Brustimplantat eines der Opfer zur vollständigen Überführung der Täter. Das Symbol von (körperlicher) Substanzlosigkeit schlechthin wurde ihnen also schließlich zum Verhängnis. Wenn das mal keine gewitzte Pointe ist.

 

5,0 / 10

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Filmplakat

Flood our souls with your spirit and life so completely that our lives may only be a reflection of yours. Shine through us.

Terrence Malicks „To The Wonder“ ist in kinematographischer Hinsicht der konsequentere „The Tree of Life“. Wo im vorherigen Werk die Brücke zwischen persönlichem Familiendrama und dem Großen Ganzen omnipräsent war, wird bei dem 2013 in den deutschen Kinos erscheinenden Film beinahe gänzlich darauf verzichtet. Narrativ sehr fragmentarisch und visuell höchst assoziativ gestaltet, scheint Malick nun endgültig die Entwicklung weg von der klassischen Narration und hin zur naturellen Abstraktion abgeschlossen zu haben. Sinnliche, vielfältige und -schichtige Symbolik verschmilzt mit den Erlebnissen der vortrefflich besetzten Schauspieler und kreiert ein Kino des Universalismus, das in seiner Aussage durch die Verwendung ausschließlich archetypischer Charaktere nochmals verstärkt wird.

Sie ist das fließende, sich anschmiegende Wasser, er der stoische Fels, der beinahe in ihrer überwältigenden Leidenschaft untergeht. Nur auf der wundersamen Insel Mont Saint-Michel, die beide Elemente harmonisch miteinander vereint und einen Moment repräsentiert, der so bezaubernd ist, dass er losgelöst von Zeit und Raum existiert, erfahren sie das Wunder des wahren Glückes. Die Liebe ist in der Lage zu beflügeln, Dich zu verzehren, Dich in die Verzweiflung zu treiben. Brauchen wir die Liebe überhaupt?

Selbstverständlich mutet diese tendenziell simplere Thematik nach einem solch überwältigenden und ambitionierten Film wie „The Tree of Life“ minimalistisch an, aber dadurch wird ihm sogleich nochmals ein wesentlich persönlicherer Charakter verliehen. Unterstützt wird der besagte Universalismus durch die schablonenhaften Figuren, dessen Intentionen wir nur selten erfahren. Keine Frage: Bei Terrence Malicks jüngster Arbeit handelt es sich erneut um ein Werk, das seiner Radikalität wegen eine höchst subjektive Rezeption evoziert; selbst sein Ende ließe sich verschieden deuten. „To The Wonder“ ist ein bewegender Rausch, dem es gelingt, auch ohne klassische Manipulationsmechanismen intensive, ganz differenzierte Emotionen zu beschwören. Wie eine rührende Erinnerung an den vielleicht schönsten Tag des eigenen Lebens. Trotz aller Widrigkeiten überlebt die ideelle Vorstellung der blühenden roten Rose im eisigsten Winter. Auch Terrence Malick ist nur ein Mensch mit Träumen. Wie wir alle.

7,0/10

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Filmplakat
He used to say, sometimes you need to do something bad to stop you from doing something worse.

Mutwillig werden an ihrem Geburtstag ihre Träume und Wünsche in dunstigem Rauch aufgelöst, den einzufangen unmöglich ist. Mia Wasikowska als nymphengleiche Jugendliche mit leicht autistischen Zügen im sexuell-intriganten Spiel der Macht gefangen, eingesperrt von Mutter (Nicole Kidman) und Onkel (Matthew Goode). Mit dem Animalischen erwacht auch die Sexualität, welche als Sinnbild und Zentrum kosmischer Ordnung fungiert, und häufig mit einem Mutter-Tochter-Konflikt einhergeht. Der Regisseur Park Chan-wook scheint dabei das ganze Netz seiner Symboliken und Figuren um das vielfältig interpretierbare Bild der Spinne zu weben, und scheitert mehr als einmal beinahe an seinen großen Ambitionen, auch wenn er seine Kalender-Philosophie diesmal auf ein homogenes Minimum reduziert. Nach dem anfangs zögerlichen Erwachen der eigenen sexuellen Identität folgt die (feministische) Emanzipation, die in ihrer plötzlichen Erbarmungslosigkeit einem befreienden Kanonenschuss gleicht. Dazwischen tänzelt der Score des talentierten, aber leicht überschätzten Clint Mansell zwischen anstrengender Aufdringlichkeit und audiovisueller Brillanz. Mit seinem Hollywood-Debut inszeniert der Südkoreaner psychologischen Thrill der alten Schule, bei dem ganz klar der Weg das Ziel ist, und verneigt sich währenddessen nicht nur einmal vor dem großen Alfred Hitchcock. Sein verworrenes Beziehungsgeflecht ist dramaturgisch fesselnd und außergewöhnlich vielseitig fotographiert, wenngleich es in seiner großen Fülle an Motiven und Metaphern des Öfteren im Begriff ist, sich selbst das Bein zu stellen.

7,0/10

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Filmplakat

If you figure a way to live without serving a master, any master, then let the rest of us know, will you? For you’d be the first person in the history of the world.

„TAXI DRIVER meets cult“ waren tatsächlich meine ersten Gedanken zum neuesten Streich des 1970 geborenen Regisseurs Paul Thomas Anderson, und die Leben der Protagonisten beider Filme weisen wirklich erstaunliche Parallelen auf, was selbstverständlich primär auf ihre (zeitlich versetzte) Kriegsvergangenheit zurückzuführen ist. Travis Bickle und Freddie Quell (erschreckend intensiv: Joaquin Phoenix) werden beide von post-traumatischen Symptomen geplagt, sind im tiefschwarzen Schlund sozialer Isolation gefangen, den sie mit Drogen und dem Erfüllen instinktiver Bedürfnisse zu verdrängen suchen und nicht fähig zu lieben. Somit präsentiert sich THE MASTER tatsächlich weniger als die erwartete Scientology-Dekonstruktion sondern mehr als waschechtes Veteranen-Drama.

Zwischen diesen thematischen Ankerpunkten spannt das Autorenkino-Wunderkind eine inhaltliche Brücke aus Größenwahn: Ab dem Zeitpunkt, in dem der krankhaft alkoholsüchtige Freddie auf das ebenso obsessiv veranlagte Multi-Talent Lancaster Dodd (unvorhersehbar erruptiv: Philip Seymour Hoffman) trifft, macht das Werk eine überraschende Kehrtwende und verwandelt sich vom reinen Post-Kriegs-Film zur kryptischen Analogie eines universellen Meister-Lehrling-Prinzips, das auf animalische Zügellosigkeit und matriarchaische Kraft trifft. Was viele als wunderbar ambitioniert betiteln würden, werden ebenso viele wohl als erschreckend überfrachtet empfinden. Und obwohl THE MASTER in seiner tieferen Bedeutung erfrischend komplex daherkommt, so facettenarm ist er überraschenderweise im sonst so einwandfreien Gesamtbild, das der gebürtige Kalifornier kreiert.

Womöglich ist der erstmals am 1. September 2012 veröffentlichte Film ein Werk, das hauptsächlich an der überhöhten Erwartungshaltung seiner Rezipienten scheitern wird. Von einem solch vielversprechenden Regisseur wie Anderson erwartet man eben nicht weniger als einen herausragenden Film. Und auch, wenn dieses meist positiv behaftete Adjektiv durchaus auf THE MASTER zutrifft, stellt er in Relation zu seiner bisherigen Filmographie leider die erste wirklich inhomogene Arbeit dar.

Seine gewohnt erstklassige Kinematographie und die beeindruckenden schauspielerischen Leistungen (welche jedoch von einer unausgewogenen Figurenzeichnung gebremst werden) können leider nur partiell den suboptimalen Gesamteindruck heben, für welchen auch zu einem Großteil die bewusst zähe Dramaturgie und Narration verantwortlich ist, welche mehr als einmal anstrengend auf der Stelle tritt. Trotz seiner originellen, und gleichzeitig etwas sperrigen Semiotik ist THE MASTER in seinem philosophischen Prinzip der Weltanschauung leider ebenso restaurativ wie seine ambivalenten Protagonisten.

6,5/10

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Filmplakat

I could write shorter sermons but when I get started I’m too lazy to stop.

Der jüngste Streich von Regie-Legende Stephen Spielberg und Drehbuch-Autor-Tony Kushner ist zeitlich kurz vor dem Ende des Sezessionskrieges angesiedelt und behandelt Abraham Lincolns Bestreben, die Sklaverei per Verfassungszusatz abzuschaffen. Auf Abflehnung stößt er dabei nicht nur bei der Opposition.

LINCOLN ist eine routiniert inszenierte Geschichtsstunde angereichert mit politischer Komplexität, die sich dem 16. Präsidenten der heutigen USA weniger als Person nähert, sondern mehr dem Mythos um diese. Nie jedoch verkommt der Film von Steven Spielberg zu pathetischem Helden-Kitsch, denn durchaus befasst er sich auch mit den negativen Seiten des amerikanischen Präsidenten. Dieser handelte nämlich nie gänzlich aus reiner Nächstenliebe, vielmehr verfolgte er in Wahrheit partiell ganz andere Ziele.

Die schiere Riesenwelle an Personen und Nebencharakteren wird immer wieder durch sanfte Komik aufgelockert, wenn z. B. selbstreflexiv und -ironisch auf den mit parabolischen Anekdoten und Lebensweisheiten nur so um sich werfenden Daniel-Day Lewis, der bravurös den alternden Präsident verkörpert, geblickt wird. Ihm ist es gelungen, Lincoln derart viel Leben und Eigenarten einzuhauchen, dass man denken mag, er sei wieder aus seinem Grab auferstanden, doch eigentlch ist es vermessen, ausschließlich ihn positiv hervorzuheben, viel zu fantastisch ist auch das komplette restliche Schauspiel-Ensemble, welches Spielberg dort aus seinem Hut zaubert. Unnahbar wirkt dieser Day-Lewis auf einen, überlebensgroß. Stets befindet sich der Film auf der schwierigen Gratwanderung zwischen Personen-Beleuchtung und Darstellung eines weltpolitischen Symbols. So verzichtet Spielberg auch meist auf die von ihm perfektionierte Emotionalität und lässt seine Charaktere nur sehr spärlich, dann jedoch umso erruptiver, wie einen Geysir explodieren.

Er vervollkommnet sein herausragend dialogisiertes Drehbuch schließlich mit einem durchdachten Spannungsbogen, durch den selbst ein reiner Konversations-Film wie LINCOLN zum fesselnden Unterhaltungskino avanciert. Gewitzt wird mit Polit-Genre-Versatzstücken kokettiert, sich hier und da bedient und schließlich zu einem homogenen Ganzen verdichtet, welches zusätzlich mit einer gelungenen Semiotik aufzuwarten vermag. Erstaunlich kritische Seitenhiebe auf Politik und Demokratie-Apparate runden diesen 2013 in Deutschland veröffentlichten Film aus handwerklichen Gesichtspunkten zu guter Letzt ab.

Dennoch fragt man sich, was der heute 66-jährige Amerikaner mit diesem Film nun eigentlich bezwecken wolle, der kein vollkommenes Biopic darstellt aber auch als Legenden-Stilisierung bzw. Demontage zu inkonsequent und ziellos wirkt. Tatsächlich scheint es so, als würde Spielberg die kollektiven Geschichtskenntnisse des amerikanischen Volkes auffrischen wollen, ohne es mit allzu negativen Aspekten gleichzeitig zu verschrecken. Sein zaghafter Versuch einer hinterfragenden Darstellung beleuchtet zu wenig, als dass man den einst berühmtesten Mann der Vereinigten Staaten einigermaßen verstehen könnte. Vielleicht hätte er sich sparen sollen, den manipulativen Moment seines tragischen Todes einzufangen, sondern die Erzählung historisch ein paar Wochen vorher einzusetzen. Ja, vielleicht, aber nur vielleicht, wäre dann aus LINCOLN nicht nur ein kinematographisch ausgezeichneter Film geworden, sondern auch ein konzeptionell gutes Werk. So wandelt der hervorragende Day-Lewis letztlich lediglich in den überlebensgroßen Fußstapfen von wahrlich gigantischen Legenden-Filmen wie LAWRENCE VON ARABIEN.

6,5/10

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